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OTZ: 40 Jahre Junge Gemeinde in Jena - Kontinuität des Widerstandes PDF Print E-mail

40 Jahre Junge Gemeinde Stadtmitte: Dieses Jubiläum nahm Landesbischöfin Ilse Junkermann zum Anlass, der kirchlichen Einrichtung einen Besuch abzustatten. Die Arbeit, die hier unter Leitung von Stadtjugendpfarrer Lothar König (im Bild mit Mitarbeiterin Bärbel Blechschmidt) geleistet wird, sei ein wichtiger Teil unserer Aufgabe als Kirche in dieser Welt, gab sie den Mitarbeitern und Jugendlichen der JG auch kritische Anmerkungen mit auf den Weg.

Unter dem Motto "40 Jahre Widerstand der Gleichschaltung" steht die diesjährige Werkstattwoche der Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte.

Jena. Rückblick und Ausschau war gestern das Thema einer Diskussionsrunde mit ehemaligen JG-Aktivisten, darunter Thomas Auerbach, in den 70er Jahren Diakon in der JG Stadtmitte. Im Zuge der Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 wurde er verhaftet, mit sechs weiteren Jenaern inhaftiert Vorwurf: staatsfeindliche Gruppenbildung im schweren Fall wegen Organisation und Leitung, Strafmaß drei bis zwölf Jahre Gefängnis und nach zehn Monaten Gefängnis aufgrund einer breiten Protestwelle im Westen, der sich u. a. Heinrich Böll und Romy Schneider angeschlossen hatten, nach Westberlin ausgebürgert. Seit 1993 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stasi-Unterlagen-Behörde und leitete bis 2008 deren Außenstelle in Schwerin. OTZ sprach mit ihm.


Herr Auerbach, haben Sie noch Verbindung nach Jena?


Ich verfolge sehr aufmerksam, was hier passiert und insbesondere in der Jungen Gemeinde. Mein erster Weg hat mich von der Johannisstraße 14 zum Opfer-Denkmal geführt. Das wollte ich mir unbedingt ansehen. Das gefällt mir sehr gut. Aus meiner Sicht hat es aber einen entscheidenden Fehler in den Inschriften aufzuweisen, weil etwas ganz Wesentliches fehlt.


Am 19. November 1976 gab es die nach dem 17. Juni 1953 größte Verhaftungswelle in Jena. Es wurden damals schlagartig 50 Leute festgenommen, weil sie gegen die Biermann-Ausbürgerung protestiert hatten. Die meisten wurden dann wieder frei gelassen, sieben, darunter ich, blieben in Haft und wurden nach Protesten in den Westen ausgebürgert.


In meinen Augen stellt das eine ziemliche Geschichtsvergessenheit dar, die nicht zu akzeptieren ist. Eine ähnlich große Verhaftungswelle hatte es ja nochmal Anfang der 80er Jahre gegeben, da ist lediglich das Stichwort "Friedensgemeinschaft" am Denkmal zu finden.


Ich wollte in der Jungen Gemeinde eigentlich aufrufen, mit einem Kranz der Opfer der Diktatur in der DDR zu gedenken, aber davon werde ich absehen. Ich will aber hoffen, dass sich nachträglich noch etwas machen lässt.



SED und Staatssicherheit haben ja immer wieder Druck bis hin zur Zwangsausbürgerung wie bei Roland Jahn auch ausgeübt, um das gesellschaftskritische Potenzial in der Jungen Gemeinde "auszudünnen". Ist das seinerzeit gelungen?


Nachdem der erste Schub Ende der 70-er Jahre aus der JG entfernt wurde, dauerte es einige Zeit, bis sie sich wieder reorganisieren konnte. In dieser Phase haben starke Frauen eine größere Rolle gespielt, ich denke da an Thea Ross und Christine Lieberknecht, die heutige Ministerpräsidentin. Nicht zuletzt hat auch die Achse Westberlin Jena in der Solidarität mit der JG und bei der öffentlichkeitswirksamen Unterstützung der hier geleisteten Arbeit eine wichtige Rolle gespielt.


Trotz der Disziplinierungs-, Zersetzungs- und Unterwanderungsmaßnahmen der Staatssicherheit ist die Kontinuität des von jungen Leuten getragenen Widerstandes gegen die Verhältnisse in der DDR gewahrt geblieben.


Für ihre widerständigen Arbeit wird die Junge Gemeinde bis heute anerkannt, kritisiert bis abgelehnt und immer wieder Disziplinierungsversuchen unterworfen. Lässt sich der Widerstand von heute mit dem vor 1989 vergleichen?


Man kann den Widerstand der jungen Leute von heute gegen Faschismus, die Politik, Umwelt usw. nur sehr schwer gleichsetzen mit dem von damals in der DDR. Wir leben immerhin in einer Demokratie.


Was die Menschen unter den Bedingungen der Diktatur in der DDR oft auch unter Einsatz ihres Lebens geleistet haben, ist noch etwas anders. Ich erinnere nur an Matthias Domaschk, der von der Stasi ermordet wurde. An einen Selbstmord glauben wir bis heute nicht. Aber auch den hätte die Stasi zu verantworten.


Blicken Sie deshalb zurück mit Wut und Zorn auf die alten Zeiten?


Nein, natürlich nicht. Es ging doch nicht nur um Widerstand, sondern auch darum, selbstbestimmt zu leben gegen den Mainstream, Spaß zu haben, zu feiern, sich gegenseitig zu stützen, sich fähig zu machen, Demokratie zu leben.


Ich denke, das macht auch heute noch einen wesentlichen Teil der Arbeit in der Jungen Gemeinde aus, und deshalb kann ich allen, insbesondere Lothar König als Motor der JG seit 20 Jahren, nur viel Kraft, Elan und Ausauer für das nächste Jahrzehnt wünschen.


Frank Döbert / 01.07.10 / OTZ