Auch dieses
Jahr fand in Gera das Nazifestival "Rock für Deutschland" statt.
Neugierige Jugendliche blieben eher fern, was mit an den erstmalig
stattfindenden Gegendemos lag.
von Andreas Speit, TAZ
GERA taz | Auf den Straßen von
Gera war es heiß, sehr heiß. Kein Lüftchen, das den Demonstranten
gegen das Neonazifestival "Rock für Deutschland", etwas Erleichterung
verschaffte. Bei Temperaturen um die 35 Grad nahmen am Samstag über
1.000 Menschen an unterschiedlichen Protesten teil – vom Gottesdienst,
Kundgebungen, bis hin zu Blockaden auf klebrigem Straßenteer Um kurz
nach 12.30 stand dennoch die erste Rechtsrockband auf der Bühne.
"Der Protest ist breiter
geworden. Die Neonaziszene spürt, dass sie nun auch langsam in Gera
unerwünscht sind", sagt dennoch Hannes Roth, Sprecher eines
Aktionsbündnisses von Antifa-Initiativen, Gewerkschaften, Kirchen,
Parteien und Einzelpersonen, das zu den Anti-Nazi-Protesten aufgerufen
hatte. Seit 2003 findet in der ostthüringischen Stadt das
Rechtsrockfestival statt, bei dem Party und Politik ineinander
übergehen - bisher weitgehend ohne merklichen Protest. Die Neonazis
kamen, die Einwohner schauten weg. Längst hat sich der Event mitten in
der Stadt, auf der so genannten Spielwiese, zu Europas größtem
Neonazifestival entwickelt.
Ausbleibender Protest
gleich ansteigender Zulauf? Roth möchte diesen Zusammenhang nicht
verschweigen. Auf der Straße bei den Demonstranten erklärte aber jetzt
auch Oberbürgermeister Norbert Vornehm: "Fremdenfeindlichkeit hat in
Gera keinen Platz. Wir werden erst aufhören, wenn die Spielwiese uns
gehört und nicht den Rechten".
Unter dem Motto "The
Party is over" hatte das Aktionsbündnis mit Mitteln des zivilen
Ungehorsams das Rechtsrockfestival zu verhindern versucht. Schon früh
waren zwei strategisch wichtige Brücken in der Stadt besetzt. "Kein Eis
für Nazis", stand auf einem Transparent; "Das Gestern im Heute
begreifen – Nazis blockieren" zierte ein weiteres Banner.
Bunt und laut war es
trotz Sonnenbrandgefahr rund um die "Spielwiese". "Glück gehabt, wir
haben etwas Schatten", meinte eine Demonstrantin und schaute zu einer
Blockade. Dort wurde von jungen und älteren Demonstranten Regenschirme
als Sonnenschutz genutzt. Der Geraer Stadtjugendpfarrer Michael Keim
erklärte zu dem von der NPD angemeldeten "Rock für Deutschland": "Das
sind nicht bloß irgendwelche Leute, die Musik machen, das ist wirklich
Hass pur". Auf der Heinrichbrücke war die Blockade aber nicht breit
genug. Durch eine schmale, von der Polizei abgeschirmte Gasse konnten
Neonazis zum Konzert gelangen.
Auf der "Spielwiese"
hatten die Veranstalter um den NPD-Stadtrat Gordon Richter schon am
Freitagabend mit dem Aufbau beginnen können. Vor dem Verwaltungsgericht
Gera hatte die NPD die Nutzung erstritten. Herzlich begrüßte der
thüringische Landeschef und Bundesvize Frank Schwerdt die rund 1.200
Fans und wetterte gegen die Globalisierung". "Wir bleiben braun"
prangte auf dem T-Shirt eines Kameraden im Chic der "Autonomen
Nationalisten". Das T-Shirt eines Glatzkopfs zierte ein Reichsadler und
"Sturm 18"- ein Zahlencode für "Adolf Hitler". An den Ständen von der
NPD-Jugendorganisation "Junge Nationaldemokraten" oder vom "Germania
Versand" konnten Propagandamaterial und Devotionalien erworben werden.
Bei den Bands "Carpe
Diem" und "Frontalkraft" gingen die Fans, unter denen viele Mädchen und
Frauen waren, voll mit. Der Song "Schwarz ist die Nacht" von
"Frontalkraft" ist längst ein Szenehit: "Schwarz ist die Nacht, in der
wir euch kriegen, Weiß sind die Männer, die für Deutschland siegen, Rot
ist das Blut, auf dem Asphalt...". Auf Bierbänken konnten sich die
Besucher zwischen den Auftritten der weiteren vier Szenebands erholen
oder den Reden lauschen. Der JN-Chef Michael Schäfer warnte, "dass die
Roten nicht an die Macht kommen" dürften, und dass die "Deutschen" bald
eine "Minderheit" im eigenen Land seien. "Tod und Vernichtung dem
roten Mob" erklärte deutlicher Andreas Storr, Abgeordneter der
NPD-Fraktion in Sachsen.
In der Szene wird der Event aber nicht bloß gefeiert.
Ein Grund für Missstimmungen ist die gesunkene Teilnehmerzahl. Noch im
vergangenen Jahr waren über 4.000 Besucher zum "Rock für Deutschland"
gekommen. Einer der Stars der Szene, Michael Regener, der Frontmann der
"Lunikoff-Verschwörung", zog damals die Rechtsrockfans an. Christoph
Ellinghaus vom Aktionsnetzwerk betont, dass 2009 das Konzert zudem
mitten in die Landtagswahl der NPD eingebettet war. Er denkt, dass
dieses Mal vor allem, "durch den angekündigten Protest die rechtsoffene
Jugendszene fern blieb". "Auch wenn es uns nicht gelungen ist, das
Nazi-Konzert zu verhindern, hat die öffentliche Kampagne und unsere
Entschlossenheit offensichtlich viele potentielle Teilnehmer
abgeschreckt“, sagt ebenso Mariana Thiele vom Aktionsnetzwerk.
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